Warum Mythologie?

Nachdem ich in vielen kleinen Gesprächen die sehr freundliche Bekanntschaft des Arbeitskreises zur Jubiläumsfeier im Januar 2020 gemacht hatte, wurde mir die Möglichkeit geboten, auch an seinem Blog auf der Homepage mitzuarbeiten. Darüber freute ich mich sehr, worauf sich aber auch sogleich die Frage anschloss: Worüber soll ich eigentlich schreiben? Mein Interesse an Mythen und Mythologie wurde schon in der Jugend geweckt, hielt über die Jahre des Studiums und danach an und tut dies auch nach wie vor. Entsprechend ist – um eine Formulierung Cassirers aufzugreifen – „die verwirrendste Tatsache nicht der Mangel, sondern der Überfluss“ (Cassirer 1949, S. 8) des möglichen Themenmaterials und auch der möglichen Zugriffsweisen, wie sie sich in fortlaufender Lektüre und Nachdenken erschlossen haben. Nach einem Blick in meine Magisterarbeit über den Mythos bei eben zitierten Ernst Cassirer und eingedenk mancher Gespräche mit Freunden und Kollegen, entschloss ich mich endlich dazu, mich in meinem ersten Beitrag mit einer recht allgemeinen Frage auseinanderzusetzen: Warum eigentlich Mythologie?

Ich bin mir freilich nicht sicher, wie oft und intensiv diese grundsätzliche Frage im Arbeitskreis schon diskutiert wurde. Wenn es also einerseits zu eventuellem Wiederkäuen schon mehrfach erörterter Sachverhalte kommen sollte, bitte ich dies zu verzeihen. Andererseits erscheint diese Frage trotz ihrer Allgemeinheit doch sehr wichtig und stellt sich sowohl im Austausch mit anderen als auch für einen selbst immer wieder. Die Beantwortung der Frage soll dabei weniger eine rhetorische Rechtfertigung oder die Ausarbeitung einer persönlichen Vorliebe sein – die Faszination für Mythen wird immer ein wesentlicher Grund zur näheren Beschäftigung mit ihnen sein –, sondern vielmehr versuchen, etwas Licht auf rational nachvollziehbare Gründe zu werfen, wieso man sich mit Mythen und Mythologien auseinandersetzt. Dies soll mir gewissermaßen auch als Basis dienen, mit denen ich künftig meine Streifzüge unternehmen werde.

Die Mythen umringen und umzingeln uns

Entgegen manch skeptischer Einwände kann man den ersten Grund, der zur Auseinandersetzung mit Mythen treibt, gerade in unserer Lebenswelt finden. Man begegnet ihnen eben nicht nur in musealer Umgebung oder klassizistischen Parkanlagen, in der Kunst und in den Geisteswissenschaften, sondern auf sehr vielfältige Art auch in der Alltagskultur. Helden, Fabelwesen und mythenhafte Erzählungen umringen uns geradezu in den verschiedenen medialen Formaten, die wir alltäglich gebrauchen, sei es in gedruckter Form, sei es im Fernsehen, sei es im Internet oder in Spielen. Nach Roland Barthes kann sogar nahezu alles, „der geschriebene Diskurs, der Sport, aber auch die Photographie, der Film, die Reportage, Schauspiele, Reklame […] Träger der mythischen Aussage sein“ (Barthes 2003, S. 86). Obschon sich freilich die Interessen der Menschen deutlich unterscheiden und die verschiedenen Formate unterschiedlich wahrgenommen werden, so hat sich doch deutlich ein Material angesammelt, das als Allgemeingut gelten kann. Jeder kennt zumindest die Genres, die hier wesentlich zur Disposition stehen, wie Abenteuer, Fantasy, Horror und Sciencefiction als Tummelplätze oder Bezugnahmen mythischer oder neomythischer Entwürfe (mit Letzterem hat sich Linus Hauser 2004-2016 intensiv auseinandergesetzt). Jeder kennt mehr oder weniger Namen und Schlagworte, die hier genannt werden könnten. Es wäre also ignorant, wenn man diesen Umstand nicht wahrnehmen und die starke Präsenz von Mythen oder mythenartigen Erzählungen in der zeitgenössischen Kultur nicht sehen würde. Und hier entzündet sich auch für den aufmerksamen Beobachter das Interesse am Mythos. Diese oder jene Geschichte ist wundersam fesselnd, dieses oder jenes Fabelwesen erschreckt bis aufs Mark, dieser oder jener Held (oder Antiheld) erweckt Sympathie. Warum tun sie das? Warum sind wir von diesen Erzählungen so begeistert? Erinnert dies und jenes nicht an mythologische Motive der alten Griechen (oder Ägypter oder Sumerer etc.)? Wieso hat der Autor/Regisseur/Spielemacher dies und jenes gerade so gestaltet? Bloßes Design, persönliche Vorlieben, bewusste Aussage, unbewusste mythenbildende Triebkräfte? Es drängt also schon angesichts unserer direkten medialen und kulturellen Umgebung dazu, sich näher mit der Mythologie auseinanderzusetzen. Das Bewusstsein hierfür scheint allerdings nur bedingt ausgebildet zu sein, oft herrscht die passive Rezeptivität vor. Zeitgenössische Mythen fungieren eher als bloße Unterhaltung oder in kulturindustrieller Manier als Konsumgut, denn als zu würdigendes Kulturgut.

Mythen beschäftigen Philosophie und Wissenschaft

Doch es finden sich in der Vielfalt der uns dargebotenen mythenbezogenen Schöpfungen auch solche, die mehr Beachtung und das Prädikat ‚mythisch‘ auch im engeren Sinne verdienen. In den Bergen an mehr oder weniger zurecht sortierten Geschichten- und Bilderkies befinden sich also durchaus einige wertvollere Steine. Das Wahr- und Ernstnehmen solcher Werke wird in den allermeisten Fällen zunächst zufällig und intuitiv erfolgen. Aber um wirklich Kriterien zu entwickeln, die helfen, diese Intuition in klare Gedanken zu überführen und diese auch anderen zu kommunizieren, bedarf es letztendlich der Beschäftigung mit der Mythologie – gleichermaßen als Gesamtheit von diversen Mythenbeständen wie auch als gedankliche und wissenschaftliche Bearbeitung der Mythen verstanden. Und hier findet sich das zweite Movens, warum man sich mit Mythologie befasst: Die Philosophie, die Theologien und die Wissenschaften haben sich seit ihren Ursprüngen und immer wieder damit auseinandergesetzt, nicht selten sehr kontrovers (man vergleiche hierzu die Einträge in den Handbüchern zu Philosophie und Religionswissenschaft, um einen Überblick zu erhalten). Mythos und Mythen sind offenbar zentrale Themen des Menschen, die ihn gleichsam zu zwingen scheinen, sich auch auf denkerischer Metaebene mit ihnen auseinanderzusetzen. Warum ist das so? Warum gibt es so viele Mythen und warum wendet der Mensch so viel geistige Energien auf, um sie zu verstehen oder zu verstehen, wie sie entstanden sind oder überhaupt zu verstehen, dass es sie gibt? Nicht nur also, dass zeitgenössische Mythen oder Mythen aus den verschiedensten Zeitaltern bzw. Gegenden der Welt unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen und faszinieren. Dasselbe geschieht in der Philosophie und der Wissenschaft, in der uns die verschiedensten Gedanken zum Mythos begegnen und die Aufmerksamkeit mindestens ebenso erregt wird.

Ein mythentheoretischer Versuch

Ich möchte kurz skizzieren, inwieweit man bei der philosophischen Beschäftigung mit dem Mythos zu einem wesentlichen Grund für ebendiese Beschäftigung gelangen kann. In principium erat verbum so heißt es im Johannesevangelium. Ohne einen theologischen Disput vom Zaun brechen zu wollen, könnte man auch formulieren: In principium erat imago. Erstaunlich eng ist die Verknüpfung zwischen beiden. Erste Schriften der Menschheit sind Bilderschriften, in denen mal mehr, mal weniger die direkte Abbildung oder eine Lautung, bspw. als Silbe, im Vordergrund steht, wie bei den altägyptischen Hieroglyphen. Einen Vorrang im Fall von Bild und Wort, mithin von innerem Eindruck und äußerem Ausdruck zuzuweisen ist schwierig, wie Cassirer schreibt erscheinen „der seelische Inhalt und sein sprachlicher Ausdruck […] in eins gesetzt“ (Cassirer 1994, S. 125). Beim Mythos geschieht etwas sehr ähnliches: Als Wort, Rede, Erzählung über Götter, göttliche Wesen oder Helden ist er natürlich geäußertes Wort, aber dieses Wort ist vor allem eine ausdrucksstarke Form, welche die Vorstellungskraft, imaginatio, und die Psyche affiziert und so Bilder und verknüpfte Bilderreihen von Geschehnissen hervorruft. Er „malt“ gleichsam in die Vorstellungskraft Bilder (oder auch die Pendants zu anderen sinnlichen Eindrücken), manche davon symbolträchtig, manche davon unscheinbarer, aber prägender Hintergrund. Etwas vereinfacht formuliert, kann man so betrachtet den Mythos als Vorstellen, Denken und Ausdrücken in Bildern und Bilderreihen bezeichnen, wobei das Momentum des Denkens einerseits durch den Vorgang des Ordnens bei seiner Schöpfung und andererseits bei seiner Rezeption durch den Aspekt der Verknüpfung der Vorstellungsbilder einfließt. Das Denken kann zudem auch als ein sekundärer Akt beim Rezipienten ausgelöst werden, als Nachdenken über den Mythos. Nicht zu vergessen ist schließlich auch die konkrete Form der Bilder: Sie können mal mehr, mal weniger persönlich oder allgemein sein und zuweilen bis hin zur Universalität reichen, so dass Joseph Campbell mit der Erforschung der Mythen „die Ahnung eines neuen Bildes von der fundamentalen Einheit der Seelengeschichte der Menschheit“ (Campbell 1996, S. 17) vorschwebte. Sich mit dem Mythos auseinanderzusetzen, heißt letztendlich, sich mit einer sehr wesentlichen Form menschlicher seelisch-geistiger Tätigkeit auseinanderzusetzen. Wenn man versucht, Mythen zu verstehen, bedeutet das zugleich auch zu versuchen, einen Teil des Menschen zu verstehen. Dies wäre ein Unternehmen, dessen Ausgang natürlich ungewiss ist, aber nichtsdestoweniger lohnenswert erscheint und zweifelsohne zur Beschäftigung mit den Mythen motiviert.

Zum Schluss

Man kann die berührten Aspekte schließlich recht schnell weiterdenken: Fasst man den Mythos als Ausdruck und spezifisches Denken in Bildern und denkt zugleich an die uns umgebende Bilderflut – die freilich genauso oft völlig amythisch wie auch mythisch erscheint – hat die Beschäftigung mit der Mythologie mittelbar sogar eine gesellschaftliche Relevanz. Denn sie zeigt uns, dass Bilder sehr wesentlich unser Denken und Bewusstsein bestimmen. Sie hilft uns zu verstehen wie die Bilder dies tun und wie sie zur Bildung von Diskursen und zur Formung von ‚Weltbildern‘ beitragen. Letztere haben maßgeblich Einfluss auf die Art der Gesellschaft, in der wir leben, so dass wir über Mythen schlussendlich wesentliche Erkenntnisse zu Mensch und Gesellschaft erhalten, gerade auch heute. Das sei als Erschließung der gesellschaftlichen Bedeutungsebene des Mythos verstanden, nicht als soziologische Reduktion.

Mit diesen skizzenhaften Gedanken möchte ich an dieser Stelle schließen und hoffe, den geneigten Leser nicht mit der kruden Mischung – Konglomerat und Brekzie zugleich – aus trivialen und metaebenen-eröffnenden Komponenten irritiert zu haben. Immerhin aber sollte doch der eine oder andere Grund, der zur Beschäftigung mit der Mythologie führt, deutlich geworden sein. In meinem nächsten Beitrag werde ich mich befleißigen, von allgemeinen Gedanken weg hin zu konkreteren Inhalten zu steuern.

Ein Beitrag von Dr. Markus Walther

Literaturhinweise:

Barthes, Roland, „Mythen des Alltags“, Frankfurt a.M. 2003.

Campbell, Joseph, „Die Masken Gottes“, Band 1, „Mythologie der Urvölker“, München 1996.

Cassirer, Ernst, „Vom Mythus des Staates“, Zürich 1949.

Cassirer, Ernst , „Philosophie der symbolischen Formen – 1. Teil: Die Sprache“, Darmstadt 1994.

Hauser, Linus, „Kritik der neomythischen Vernunft“, 3 Bände, Paderborn 2004-2016.

© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden..