Es ist geschafft. „Ich bin drin!“, denkt man freudig und muss dabei unwillkürlich an den ikonischen Werbespot mit einem populären Tennisspieler denken, der seinerzeit selbiges verkündete, nur dass dieser zur Welt des World Wide Web Einlass erhielt statt in eine Ausstellung, die den berühmtesten und einflussreichten Maler des 17. Jahrhunderts repräsentiert. „Impuls Rembrandt – Lehrer, Stratege, Bestseller“ so der Titel der Ausstellung, mit der vom 03. Oktober – 26. Januar 2025 das 20-jährige Jubiläum des Neubaus des Museums der bildenden Künste Leipzig begangen wurde. 142 Gemälde, Zeichnungen und Radierungen wurden dafür weltweit zusammengetragen, von denen rund 60 Werke von Rembrandt selbst stammen. Die anderen Stücke entstanden in seiner Werkstatt oder sind Arbeiten von Zeitgenossen, darunter auch Stücke aus dem Bestand des Leipziger Museums.
Der hektische Alltag bleibt draußen, der Besucher taucht ein in eine komplett andere, gedämpfte Atmosphäre. Eine längere Wartezeit in der Schlange vorm Portal hinter sich lassend, betritt man erwartungsvoll und mit klopfendem Herzen die im Untergeschoss des Museumsbaus wirksam gestaltete Ausstellung.
Die Augen des Besuchers müssen sich kurz gewöhnen an das Halbdunkel der Räume, das durch die dunkelrote Farbgebung der Wände noch verstärkt wird. Das Licht ist gedimmt, um vor allem jenes Charakteristikum stärker zur Geltung kommen zu lassen, für das der niederländische Künstler vor allem bekannt ist: die Inszenierung des Hell-Dunkel, das meisterhafte Spiel von Licht und Schatten.
Aber dann: ehrfürchtiges Staunen. Schritt um Schritt, Bild für Bild. Und man fragt sich: Wo kommt dieses Licht IN den Bildern her? Obschon man weiß, dass dieses Licht dem gestalterischen Können Rembrandts und seiner Schüler und Zeitgenossen entspringt, ist man geneigt, die Lichtquellen auch außerhalb der Werke zu suchen oder in der Wand dahinter. „Es ist“, so eine Besucherin, „als hätte einer hinter dem Bild noch eine Lampe angemacht.“
Da sind die berührenden Details. Die „Lesende alte Frau“, die einen voluminösen Folianten auf ihren Knien hält – eine Hand auf dem Text mit hebräischen Schriftzeichen, die sie aufmerksam studiert. Feine Runzeln hat diese Hand, ebenso das Gesicht der Greisin, die als „Prophetin Hanna“ ausgewiesen ist und für deren Darstellung wahrscheinlich Rembrandts Mutter Modell gesessen hat. Eine Figur voller Anmut und Würde, trotz oder sogar wegen der realistischen Details.
Die kostbare Kleidung der Frau schimmert im Licht, dessen Quelle sich links hinter (!) dem Betrachter zu befinden scheint. Der Faltenwurf des Gewandes, die golddurchwirkte Kopfbedeckung leuchten in diesem Licht, das wie eine Theaterbeleuchtung die Szenerie bescheint; nicht zuletzt hierin zeigt sich Rembrandts Talent als Bildregisseur, der seine Werke kongenial zu inszenieren verstand.
Allerdings birgt die Reduzierung des Lichts in den Ausstellungsräumen auch Nachteile. Das Halbdunkel erschwert zum einen die Leserlichkeit der Texte und Bildtafeln und macht es den Besuchern zum anderen fast unmöglich, das eine oder andere Detail auf den Bildern näher in Augenschein zu nehmen. „Määp“ ertönt es mehrfach in der Minute; der Alarm mahnt die Besucher, die kostbaren Exponate bitte nur in gebührendem Abstand zu bewundern. Dabei ist die Versuchung groß, näherzutreten, um tiefer in die Sphäre des einen oder anderen Kunstwerkes einzutauchen. Man will sich in die Gesichter versenken, möchte fast Zwiesprache halten mit den Dargestellten. Doch wieder schallt es „määp“, und die Intimität des Augenblicks ist erst einmal dahin. Natürlich ist es nachvollziehbar, dass solche Kostbarkeiten besonders geschützt werden müssen; so nimmt der Besucher den elektronischen Verweis also seufzend in Kauf und schaut weiter.
Und was gibt es alles zu entdecken! Da sind die z. B. die Tronien (niederländisch für „Kopf“, „Gesicht“ oder „Gesichtsausdruck“) – Gemälde, Zeichnungen oder Drucke mit porträtähnlichen Kopf- und Charakterstudien. Nicht selten zeigen sie Personen mit einer interessanten Physiognomie oder Kostümierung, häufig mit literarischem oder allegorischem Kontext. Rembrandt führte diesen Bildtypus zusammen mit seinem Malerkollegen Jan Lievens, mit dem er in jungen Jahren zeitweise zusammenarbeitete, in den 1620-er Jahren als Verkaufsprodukt in den niederländischen Kunstmarkt ein. Tronien bildeten einen nicht geringen Anteil in Rembrandts Schaffen und sind demzufolge auch im Œuvre zahlreicher seiner Schüler zu finden. Neben denen Rembrandts „Mann im orientalischen Kostüm“, „Brustbild einer jungen Frau“ und Lievens’ „Büste eines alten Mannes“ (alle 1632) sind auch Tronien aus seiner Werkstatt zu sehen, u.a. Samuel van Hoogstratens „Selbstdarstellung mit perlenbesticktem Barett und Hermelinkragen“ (1644) und Govert Flincks „Junger Mann mit Federbarett und Halsberge“ (1636).
Es bis heute nicht einfach, die Werke Rembrandts von denen seiner Schüler zu unterscheiden, denn letztere wurden darin geschult, die künstlerischen Charakteristika ihres Meisters nachzuahmen.
Berührend auch die Gemälde mit biblischem Hintergrund. Mit „Simeon und Hanna im Tempel“ (um 1627/28) bewies der damals noch junge Rembrandt bereits sein Können in dem, was seine Kunst so superb macht – der dramatische Einsatz von Licht und Schatten, die zarte und gleichzeitig kraftvolle Pinselführung, die Darstellung realistischer Details und Texturen, das Sichtbarmachen der verschiedenen Gemütszustände der Protagonisten. Joseph und Maria haben ihren Erstgeborenen in den Tempel gebracht, um ihn Gott zu weihen; die greisen Propheten erkennen in dem Kind den Heiland und reagieren entsprechend bewegt.
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Der Lichteinfall erhellt die Wand des Tempels, gleichzeitig wird mit dem Schattenwurf ein Fensterrahmen angedeutet. Die Gewänder, vor allem der Pelzbesatz der beiden Greise, sind mit einzelnen Pinselstrichen virtuos herausgearbeitet. Man vermeint fast die Weichheit des Fells zu spüren, fühlt nahezu das Gewicht des gemalten Umhangs auf den eigenen Schultern. Im reizvollen Gegensatz zur starken Ergriffenheit der beiden Alten steht die feierliche Demut Marias. „In oft dramatischer Beleuchtung und mit einem neuartigen Realismus schildert er [Rembrandt] in seinen Historienbildern Menschen mit starken Gefühlen wie auf einer Bühne. Auf diese Weise bringt er die religiösen, literarischen oder mythologischen Sujets den Betrachtenden nahe.“ (Weppelmann, Nicolaisen, Katalog, S. 14)
Es ist eine Art von Nähe, fast schon Vertrautheit mit den Figuren, die entsteht, lässt man sich auf Rembrandts Kunst ein. Widerstrebend nur löst man sich von seinen Bildern und denen seiner Mitstreiter, um darauf wieder ins gleißend helle und laute Draußen zurückzukehren.
Rembrandt Harmenszoon van Rijn wurde 1606 im niederländischen Leiden als neuntes von zehn Kindern eines Müllers geboren. Er studierte zunächst vor Ort bei Jacob van Swanenburgh, später in Amsterdam bei Pieter Lastman. Danach kehrte er zunächst nach Leiden zurück, wo er im Alter von 22 Jahren seine ersten Schüler aufnahm. 1631 zog er nach Amsterdam, wo er 1634 Saskia van Uylenburgh ehelichte, was seine Karriere förderte und ihm zahlreiche Auftraggeber verschaffte. Allerdings war Rembrandts Familienleben von Unglück geprägt: Drei seiner vier Kinder und seine Frau starben zwischen 1635 und 1642. Hendrickje Stoffels wurde seine zweite Ehefrau und diente als Vorbild für viele seiner Bilder. Aufgrund seines großzügigen Lebensstils war der Künstler schließlich gezwungen, Konkurs anzumelden; 1669 verstarb er verarmt in Amsterdam.
Die Qualität von Rembrandts Werken wurde durch die tragischen Ereignisse seines Lebens nicht geschmälert; stattdessen ist anzunehmen, dass sein tiefes Verständnis der menschlichen Natur, das sich in seiner Kunst widerspiegelt, durch eigenes Leid vertieft wurde.
Sein Werk umfasst mehr als 600 Gemälde sowie eine große Anzahl von Zeichnungen und Radierungen. Es wirkt bis heute nach.
Mehr Gemälde von Rembrandt gibt’s z.B. in Amsterdam: das Rijksmuseum beherbergt viele seiner berühmtesten Werke (u.a. die 1626 entstandene „Nachtwache“), das Rembrandthuis zahlreiche Radierungen. Wer nicht ganz so weit reisen möchte, findet allein 16 Arbeiten des Meisters im Rembrandt-Saal der Gemäldegalerie Berlin.
Ein Beitrag von Isabel Bendt
Literaturhinweise:
Büttner, Nils: Rembrandt. Licht und Schatten. Eine Biographie. Stuttgart: Reclam, 2014.
Impuls Rembrandt. Lehrer, Stratege, Bestseller. Herausgegeben von Jan Nicolaisen und Stefan Weppelmann im Auftrag der Stadt Leipzig. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Museum der bildenden Künste Leipzig, 03. Oktober – 26. Januar 2025. Leipzig: MdbK; München: Hirmer, 2024.
Kleindienst, Jürgen, Endspurt bei Rembrandt in Leipzig – Schlangen vor dem Museum, LVZ vom 23.01.2025
© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.